Blockchain

„Volle Kraft – wenn viele Player beteiligt sind und diese sich nicht kennen“

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„The Next big thing“: So präsentierten uns die Medien die Blockchain-Technologie noch vor ein paar Jahren. In der Praxis merkt man davon aktuell noch sehr wenig. Auch die DigiTrans@KMU Studie „Antworten made in münsterLAND“ bei 115 kleinen und mittleren Unternehmen ergab ein bodenständigeres Bild. Nur 3 Prozent der Unternehmen setzen die Technologie bereits ein und nur 21 Prozent sind der Meinung, dass die Blockchain die Geschäftsmodelle in der eigenen Branche verändern wird. 40 Prozent konnten bei dieser Frage keine Einschätzung abgeben – absoluter Spitzenwert bei den untersuchten Technologien.

Es gibt also viele Fragezeichen.

Wie gut, dass mit Dietrich Sümmermann einer der gefragtesten Experten beim Thema Blockchain “made in münsterLAND“ ist. Der gebürtige Münsteraner und Stiftungsratsvorsitzender der Share&Charge Stiftung gab uns seine Einschätzungen zur „Blockkette“.

Share&Charge organisiert das Open Charging Network. In dem Netzwerk wird eine Open Source Software weiterentwickelt, mit der die Kommunikation zwischen Ladesäule und E-Autos ermöglicht wird. Angegangen wird das Problem, dass aktuell noch nicht jedes Auto an jeder Ladesäule auftanken kann. Um dieses Problem zu lösen setzt Share&Charge auch auf Blockchain-Technologien.

Digitalradar: Schön, dass du dir Zeit für unsere Frage nimmst. Beim Thema Blockchain hat es einen großen medialen Hype gegeben. Aktuell hört man aber recht wenig über diese Technologie. Seit wann befasst du dich mit dem Thema?

Dietrich: Bei mir hat das mit dem Aufkommen der Ethereum Blockchain angefangen. Das dürfte jetzt vier Jahre her sein.

Digitalradar: Was genau ist die Blockchain? Kannst Du uns in deinen eigenen Worten beschreiben, was diese Technologie ausmacht?

Dietrich: Da gibt es zwei Antworten drauf – eine aus einer technischen und eine aus einer eher anwendungsorientierten Sichtweise. Ich persönliche habe einen sehr anwendungsorientierten Blick auf die Technologie. Für mich ermöglicht die Blockchain den Austausch von Daten und Transaktionen in einem Umfeld, in dem man sich nicht kennt und folglich nicht zwangsläufig vertraut. Der Hauptmehrwert ist definitiv, dass ich Daten sicher ablegen und teilen kann und diese dann nicht mehr manipuliert werden können. Das macht die Blockchain aus.

Digitalradar: Und was steckt technologisch hinter der Blockchain?

Dietrich: Ganz allgemein kann man sich die Blockchain als eine dezentrale Datenbank vorstellen. Das haben die verschiedenen Blockchain-Technologien – wie zum Beispiel Bitcoin oder Ethereum – gemeinsam. Man kann sich das als einen Zusammenschluss von ganz vielen Computern vorstellen, auf denen die gleichen Informationen abgelegt sind. Diese Informationen werden in einer bestimmten Logik abgelegt. Die Logik kann man mit einer Kette vergleichen. Dabei werden Datenblöcke miteinander verkettet und diese Verkettung ist so gestaltet, dass die einzelnen Kettenglieder nicht mehr verändert werden können.

Digitalradar: Du bist ja in der Mobilitätsbranche unterwegs. Wie glaubst du, wird die Blockchain Technologie deine Branche verändern?

Dietrich: Als wir vor vier Jahren gestartet sind, waren wir der Überzeugung, dass die Blockchain wirklich alles radikal auf den Kopf stellen wird. Wir sind da aber ein wenig realistischer geworden. Die Blockchain kann sehr gut eine sichere Nachverfolgbarkeit gewährleisten und hat die Stärken bei den Themen Authentifizierung und Identitäten. Auch das Bezahlen wird sich durch die Blockchain verändern – insbesondere, wenn die Europäische Zentralbank in das Thema einsteigt. Für die Elektromobilität liegt die Veränderung dann folglich bei der Art der Bezahlung von Mobilitätsdienstleistungen, die von Maschine zu Maschine automatisiert erfolgt und in der sicheren Authentifizierung von Verkehrsmitteln. Ein Fahrzeug kann dann bei einer Ladesäule nachweisen, dass es genau das Fahrzeug ist, dass es vorgibt zu sein.

Digitalradar: Glaubst Du, dass die Blockchain auch andere Branchen verändern wird?

Dietrich: Ja, auf jeden Fall! Anwendungsfälle, die wir jetzt schon sehen, finden wir vor allem in der Logistik und bei Supply-Chain-Prozessen. Wichtig ist immer die Frage, was für ein Ökosystem wir vorfinden. Die Blockchain entfaltet seine Kraft vor allem in einem Umfeld, in dem viele Player beteiligt sind und diese Player sich nicht kennen. Geht es nur um ein Unternehmen oder zwei, dann macht die Blockchain wenig Sinn. Wenn viele Unternehmen miteinander kooperieren müssen, dann ist die Blockchain sehr stark – wenn zum Beispiel ein Gut über die komplette Wertschöpfungskette verfolgt werden soll. Oder wenn es darum geht CO2-Fußabdrücke für ganze Industrien zu erfassen – angefangen bei der Rohstoffgewinnung bis hin zum Endprodukt. Das sind Bereiche, in denen die Blockchain heute schon Anwendung findet und zukünftig sicherlich noch mehr eingesetzt werden wird. Wir sehen vor allem im Versicherungs- und Bankenbereich den Einsatz der Blockchain bei Transaktionen. Und auch öffentliche Institutionen schauen immer mehr auf die Potenziale der Blockchain – insbesondere die Bundesdruckerei, die dabei selbstverständlich die sichere Feststellung von Identitäten im Blick hat.

Digitalradar: Laut unserer DigiTrans@KMU Studie setzt nur ein sehr kleiner Teil der Unternehmen im Münsterland die Blockchain-Technologie ein oder bzw. plant den Einsatz. Findest Du das bedenklich?

Dietrich: Das nur wenige Unternehmen die Technologie aktuell einsetzen, halte ich für überhaupt nicht bedenklich. Für einen Mittelständler im Münsterland ist das derzeit auch noch nicht das große Thema. Dass die Unternehmen den Einsatz der Blockchain nicht planen, halte ich für abwegig, da die Unternehmen noch nicht absehen können, welches Potenzial in der Blockchain steckt. Die Technologie wird kommen – wie auch andere Technologien. Es ist vor allem eine Frage des Timings, wann ich mich mit dem Thema ernsthaft befasse. Und das hängt ganz stark auch von der Branche ab, in dem mein Unternehmen tätig ist.

Digitalradar: Ab wann lohnt sich – deiner Einschätzung nach – der Einsatz von Blockchain-Technologien?

Dietrich: Immer dann, wenn es um Anwendungsfälle geht, bei denen es ein sehr komplexes Zusammenspiel von sehr vielen Playern gibt. Und die Frage ist natürlich, ob ein Unternehmen selbst zum Entwickler von Blockchain-Lösungen wird, oder nur Nutzer ist. Wenn ein Unternehmen Nutzer ist, lohnt es sich den Anbietermarkt zu analysieren und zu schauen, welche Lösungen es am Markt gibt. Aktuell sehen wir leider, dass es noch nicht so viele Anbieter von guten Lösungen gibt. Vor allem wenn es um marktreife Lösungen geht, die wirklich den Stempel „Blockchain“ verdienen –da sehen wir aktuell noch sehr wenige Angebote.

Digitalradar: Wenn ich jetzt trotzdem so eine Lösung finde, welche technischen Rahmenbedingungen brauche ich in meinem Unternehmen, um diese Lösung zu implementieren? Gibt es da Grundanforderungen?

Dietrich: Also, an den IT-Anforderungen scheitertet es am Ende nicht. Jedes Unternehmen, das eine vernünftige IT hat und Menschen, die sich damit auskennen, kann die Blockchain-Technologien nutzen. Das hängt vor allem davon ab, welche Art von Blockchain ich einsetze – Geht es um Blockchain-Technologien für den internen Gebrauch – was nicht unbedingt Sinn macht – oder geht es um Public-Blockchains? Das alles ist technisch kein Hexenwerk. Vielmehr geht es um organisatorische Herausforderungen – insbesondere bei der Abstimmung mit den verschiedenen Playern – bei der Integration in die Geschäftsprozesse. IT-technisch ist das kein großes Thema.

Digitalradar: Gibt es denn unabhängig von technologischen Fähigkeiten weitere Skills, die ich im Unternehmen brauche, wenn ich die Technologie einsetze?

Dietrich: Ich bin fest davon überzeugt – nach meinen Erfahrungen der letzten Jahre –, dass es am Anfang es erstmal einer sauberen Analyse bedarf, welche Blockchain-Technologie weiterhilft. Da braucht es Menschen, die die Geschäftsprozesse verstehen und so ein bisschen IT-Know-how und Verständnis von IT-Architekturen haben. Das ist das A und O. Für die Implementierung kann man sich Leute von außen dazu kaufen. Es braucht jemanden, der versteht „Was ist eigentlich unser Problem und womit können wir es lösen“ – es braucht eine Person, die in der Lage ist, in einem größeren Pool von verschiedenen digitalen Werkzeugen, die Blockchain-Technologie einzusetzen. Das ist das Wichtigste.

Digitalradar: Welche Auswirkungen hat der Einsatz der Blockchain auf die Prozesse im Unternehmen?

Dietrich: Also ich würde sagen, im Unternehmen nicht allzu viel. Aber in der Zusammenarbeit mit ganz vielen anderen Unternehmen kann die Blockchain eine sehr hohe Prozesseffizienz haben. Wir können uns über Wertschöpfungsketten hinweg Papierkram und den enormen Aufwand beim Abgleich der unterschiedlichen Datenbanken der einzelnen Akteure sparen – und damit fallen natürlich immense Prozesskosten weg. Das ist die Prozesssicht. Dann gibt es noch eine gesellschaftliche Sicht. Die Blockchain ermöglicht ein Teilen der Daten ohne zentralen Aggregator – also ohne Plattformen wie Facebook oder Amazon. Zumindest rein technisch kann die Blockchain diese Aufgabe erfüllen und die damit verbundenen Datensouveränität zurück zu den Menschen und den Unternehmen bringen – und damit zu denen, denen die Daten eigentlich gehören.

Digitalradar: Wie verändert sich mein Business an sich?

Dietrich: Für mich sind das vor allem Effizienzthemen. Natürlich besteht die Möglichkeit, große Aggregatoren zu umgehen, aber da lässt die große Disruption noch auf sich warten. Die bisherigen erfolgreichen Anwendungsfälle sind vor allem Effizienz- oder Marketingthemen, bei denen es um Fragen der Nachverfolgbarkeit geht.

Digitalradar: Was sind die größten Hürden, bei der Einführung der Blockchain-Technologien im Unternehmen? Wovor würdest Du warnen?

Dietrich: Am Anfang muss es auf jeden Fall eine Analyse geben, ob die Blockchain-Technologie wirklich bei einem konkreten Problem hilft. Wenn das nicht der Fall ist, war es nur ein großer Hype und keinem ist wirklich geholfen. Wenn die Analyse ergeben hat, dass die Blockchain hilft, dann liegen die größten Fallstricke sicherlich bei der Auswahl der richtigen Technologie. Wichtige Fragen, die man sich bei der Auswahl der richtigen Blockchain-Technologie stellen sollte: Wie ist der Konsensmechanismus? Wie öffentlich soll die Blockchain sein? Und damit in Verbindung stehen natürlich auch rechtliche Fragen des Datenschutzes.

Digitalradar: Zum Schluss noch eine Frage: Was ist dein persönlicher Tipp an die Unternehmer im Münsterland, wenn die sich die Thema Blockchain nähern wollen?

Dietrich: Als Erstes sollte man sich einen ganz grundsätzlichen und rudimentären Überblick darüber verschaffen, was dezentrale Datenbanken und Blockchain-Technologien sind. Wenn man dann feststellt, dass man einen Anwendungsfall hat, bei dem diese Technologie ein Problem lösen kann, dann sollte man sich für dieses ganz konkrete Beispiel professionelle Unterstützung holen. Ganz wichtig ist es, sehr konkret zu sein und die Blockchain-Technologie für einen sehr konkreten Anwendungsfall einsetzen – Und dann aus diesem sehr konkreten Beispiel lernen.

Digitalradar: Dietrich, vielen Dank für dieses Interview und Gruß aus der Heimat.

Das Interview führte David Sossna vom Institut für Prozessmanagement und Digitale Transformation am 7. Oktober 2020. David ist Autor auf dem Digitalradar und Leiter des Projektes DigiTrans@KMU.

Kurzportrait Dietrich Sümmermann

Dietrich Sümmermann entwickelt neue Geschäftsmodelle im Energiesektor in großen Unternehmen wie RWE, innogy und Uniper und ebenfalls in Start-Ups und als Investor. Er ist Geschäftsführer der emobilify GmbH und Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Share&Charge.

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