Anwenderbericht

Digitalisierung in der Schaltanlagenproduktion

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Bis vor einigen Jahren war der Workflow in unserer Blumenbecker Schaltanlagenproduktion noch komplett analog. Dann starteten wir als Spezialist für Automatisierungstechnik eine umfassende Digitalisierungsoffensive, um die Vision der „Schaltanlagenproduktion 4.0“ in die Realität umzusetzen. Der folgende Praxisbericht gibt einen Überblick über die Einzelmaßnahmen und zeigt, wo wir heute stehen:

Maschinensteuerungen ab Losgröße eins in Serie zu produzieren ist eine komplexe Angelegenheit. Fast jede Schaltanlage von Blumenbecker ist ein Unikat, für das es extra Konstruktionszeichnungen, Kommissionzettel, Stücklisten, Aufbaupläne, Verdrahtungslisten und diverse Begleitpapiere gibt. Wichtige Informationen, die seit Jahrzehnten wie allgemein üblich nur in Papierform genutzt wurden. 

Intelligente Daten statt Papier

Die Idee, jegliche Form von Papier aus dem Produktionsprozess zu verbannen, gab es bei Blumenbecker schon lange. „Der analoge Produktionsprozess war für uns im Hinblick auf Termintreue und Durchlaufzeiten nicht mehr zukunftsfähig“, blickt Florian Sontowski, Projektleiter Innovationsprozessmanagement, zurück:

Hatten Kunden Änderungswünsche, mussten alle Projektbeteiligten einzeln darüber informiert und die Stücklisten von Hand geändert werden.

Dies gelang nicht immer just-in-time. Für die Mitarbeiter in der Produktion, gerade die technikbegeisterte Generation Y, war dies eine wenig zufriedenstellende Situation. Nelson Schröter ist einer von ihnen. Der Elektroniker für Betriebstechnik, der bereits seine Ausbildung bei Blumenbecker absolviert hat, steht neben Sontowski im modernen Fertigungszentrum in Beckum und erinnert sich:

Die Arbeit mit den XXL-Papierstapeln kostete viel Zeit und Nerven, wenn es zum Beispiel darum ging, ein einzelnes Bauteil auf einem seitenlangen Aufbauplan zu finden. Und dann die Unmengen an Papier, die einfach im Müll landeten. Deshalb war ich begeistert, als es mit der Digitalisierung losging.

Der Weg zur Schaltanlagenproduktion 4.0

Im Zuge der Realisierung der neuen Fertigungshalle machte sich Blumenbecker auf den Weg, den gesamten Workflow in der Schaltanlagenproduktion zu digitalisieren. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die von der Materiallogistik bis zur Exportkontrolle zahlreiche Funktionsbereiche umfasste. Ziel war es, die bereits im Engineering erarbeiteten Daten möglichst ohne Papier in die Produktion zu übertragen. Dafür entwickelt das Innovationsprozessmanagement-Team um Sontowski spezielle Softwarelösungen wie zum Beispiel die Easy-Intelligence-Process-Software (kurz EIP), die Daten aus PDF Dokumenten und CAD-Zeichnungen bis hin zu ERP-Daten wie Stücklisten und Auftragsinformationen verarbeitet. Die Software sammelt alle Planungs- und Produktionsdaten, verknüpft die Informationen und bereitet sie zu interaktiven Arbeitsanweisungen auf. Sämtliche Daten werden zentral verwaltet und bereitgestellt. 

Florian Sontowski und Nelson Schröter in der Blumenbecker Schaltanlagenproduktion in Beckum

Gerade sind Schröter und Sontowski im Blechbearbeitungszentrum angekommen. Beide schauen einem Kollegen zu, der sich am Computerbildschirm einen Überblick über die von ihm zu fertigenden Teile verschafft. „Wir rufen unsere „To-dos“ und alle weiteren Informationen jetzt über Computer, Tablet oder Handheld ab und werden Schritt für Schritt durch unsere Arbeit geführt,“ erklärt Schröter. „Änderungen werden zentral in das System eingespielt“, ergänzt Sontowski, „so haben alle Kollegen den aktualisierten Datensatz sofort zur Hand.“ Um die Prozesse weiter zu optimieren, werden auftretende Fehler mit Hilfe eines Fehlermanagement-Systems erfasst.

Auch unsere Kunden gewinnen dadurch. Sie haben mehr Handlungsspielraum bis in die Produktion hinein“, so Sontowski weiter. 

Enge Interaktion von Mensch, Arbeitsplatz und Software

Neben Tablets und Handhelds unterstützen Beamer-Projektionen die Arbeit. So zum Beispiel in der Funktionsgruppenbildung. Anstatt über mühseliges Suchen in Papierlisten finden hier die einzelnen Komponenten in einem fast schon spielerisch anmutenden Put-by-Light-Prozess zueinander. Schröter steht an einem Arbeitstisch mit Computerbildschirm, über ihm eine Beamer-Konstruktion, neben ihm ein Rollwagen. Er nimmt einen Artikel vom Wagen, scannt ihn ein und erhält umgehend per Lichtsignal die Information, zu welcher Funktionsgruppe dieser gehört und in welcher Zone auf dem Arbeitstisch er ihn ablegen soll. 

Digitale Identifikation optimiert Kundenprozesse 

Eine Station weiter sind die Funktionsgruppen bereits verbaut. Schröter zeigt in den komplett bestückten Schaltschrank. „Bei Blumenbecker besitzen alle Komponenten einen QR-Code mit einer Identifikationsnummer. Dadurch wird jedes Bauteil verwechslungssicher und kann während der gesamten Lebensdauer eindeutig identifiziert und nachverfolgt werden. Das bietet auch unseren Kunden und den späteren Nutzern der Anlage einige Vorteile.“

Über die neu entwickelte App EIP.mobile können Anwender sämtliche Informationen und Dokumentationen zu den Anlagen sowie den dort verbauten Bauteilen abrufen. „Mit ein paar Klicks lassen sich die gesuchten Informationen schnell herausfiltern“, führt Schröter weiter aus. Das vereinfache die Fehlersuche wie das Bestellen von Ersatzteilen deutlich.

Exportpapiere in Sekundenschnelle 

Am Ende ihres Rundgangs stehen Schröter und Sontowski in der Qualitätsprüfung. Gerade ist der hauseigene Normenbeauftragte dabei, eine explosionsgeschützte Schaltanlage nach UL 698A für den US-amerikanischen Markt zu prüfen und zu zertifizieren. Das Prüfablaufprogramm führt ihn dabei durch die Abnahme. Nach dem Aufbringen des Prüflabels geht die Anlage direkt in den Versand. Dank Blumenbeckers Status als zugelassener Wirtschaftsbeteiligter (AEO) und Ausführer (ZA) erfolgt die Zollanmeldung automatisiert. Sontowski blickt zufrieden, wohl wissend, dass noch einige Digitalisierungsarbeit vor Blumenbecker liegt, denn der papierlose Prozess hat noch Lücken: „Bei der Klemmleistenbestückung fehlt es zum Beispiel noch an Daten.“ Ziel sei die vollständige Digitalisierung:

Wir möchten hier Vorreiter sein und alle Mitarbeiter beim neuen digitalen Weg mitnehmen, denn nur dann können wir langfristig am Markt erfolgreich sein“, bilanziert Sontowski.

Selbst Stromlaufpläne werden digital 

Mit Hochdruck hat das Innovationsprozessmanagement-Team auch daran gearbeitet, die Arbeit mit PDF-Stromlaufplänen digitaler zu machen. Bisher wurden handschriftlich vermerkte Änderungen, die für eine lückenlose Dokumentation zurück ins ECAD-System gespielt werden müssen, manuell im Stromlaufplan gesucht. Das kostete Zeit. Mit der Software skemdit hat das Team eine Lösung entwickelt, die Änderungen auf Knopfdruck exportiert – vollständig, digital und nachverfolgbar. Mit der Blumenbecker App EIP.mobile haben Sie jederzeit Zugriff auf die Anlagendokumentation und können die relevante Informationssuche zur Störungsbeseitigung je nach Ausgangssituation um bis zu 90 % reduzieren.

Hier gehts zum Erklärvideo: https://www.youtube.com/watch?v=-X4hxe-udQA&feature=youtu.be

Bildrechte: © Blumenbecker

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